Moses Mendelssohn

Der Jude von Berlin
1729
1786

Vater: Mendel Heymann

Mutter: Rachel Sara Wahl

Geschwister: Saul, Jente


Seinen Buckel und sein Stottern soll der Sohn des Dessauer Synagogendieners Mendel dem verkrümmenden, lungenschwächenden Studium eines mittelalterlichen Religionsphilosophen verdanken: Mit zehn Jahren war Mausche mi Dessau in den Talmudschülerkreis seines Lehrers Fränkel aufgenommen worden, der das Hauptwerk des Moses Maimonides neu herausgibt, den „Führer der Unschlüssigen“ – nachdem dieses Glauben und Vernunft verbindende Buch lange nicht zu haben war. Vor seinem Aufbruch nach Berlin arbeitet der 13-jährige Mausche beide Bände durch.

Als er im Alter von 14 Jahren, um seinem verehrten Dessauer Lehrer zu folgen, nach Berlin einreist, kontrollieren ihn auch jüdische Gemeindevertreter. Sie haben, auf Befehl der Obrigkeit, am Zuzug von Hungerleidern wenig Interesse. In Preußens Residenzstadt entwickelt sich der bettelarme Autodidakt zur Vermittler-Gestalt eines intellektuellen Netzwerkes. Er eignet sich alte und neue Sprachen des Abendlandes an, das Hochdeutsche und den europäischen Bildungskanon; was Konflikte mit den Rabbinern provoziert, die auf kulturelle Abgrenzung setzen. Sein Aufenthaltsstatus verbessert sich durch eine Hauslehrer-Stelle beim Textilfabrikanten Isaak Bernhard, in dessen Firma er bald als Buchhalter wirkt, zum Geschäftsführer, schließlich zum Teilhaber, zum Eigentümer aufrückt. Durch den ungeliebten Brotberuf sichert Moses Mendelssohn – diesen bürgerlichen Namen nimmt der Selfmade-Gelehrte an – sich selbst den Aufenthaltsstatus und seiner Familie den Lebensunterhalt.

Die Arbeits-Schutzbrille Moses Mendelssohns verweist auf den Kaufmannsjob des Philosophen in der Textilfabrik. Brille mit Etui, nach 1751, © Leihgabe des Leo Baeck Institute New York an das Jüdische Museum Berlin / Foto: Jens Ziehe
Die Arbeits-Schutzbrille Moses Mendelssohns verweist auf den Kaufmannsjob des Philosophen in der Textilfabrik. Brille mit Etui, nach 1751, © Leihgabe des Leo Baeck Institute New York an das Jüdische Museum Berlin / Foto: Jens Ziehe

Aus Mendelssohns Bekanntschaft mit dem Verleger Friedrich Nicolai und dem Dichter Gotthold Ephraim Lessing entsteht ein Freundestrio, dessen Dispute, Rezensionen, Aufsätze und publizierte Diskussionsforen Kulturgeschichte machen: das Dreigestirn der Berliner Aufklärung. Aus der Eheschließung des 32-jährigen Moses mit der Hamburger Kaufmannstochter Fromet gehen zehn Kinder hervor, sechs überleben. Sein Haus in der Spandauer Straße wird zum Forum für offen diskutierte Meinungsvielfalt, zum Modell der späteren Salons. Moses, der Bestsellerautor, trifft mit seinem „Phädon. Über die Unsterblichkeit der Seele“ ein Thema, das den Zeitgenossen am Herzen liegt. Das vielfach übersetzte Werk macht den „Juden von Berlin“ europaweit berühmt.

Im Bestseller „Phaedon“ aktualisiert Moses die Gespräche des zum Tode verurteilten Sokrates und fügt einen moraltheologischen Beweis zur Unsterblichkeit der Seele hinzu. J. W. Meil, 1767 © bpk / Staatsbibliothek zu Berlin / Foto: Carola Seifert
Im Bestseller „Phaedon“ aktualisiert Moses die Gespräche des zum Tode verurteilten Sokrates und fügt einen moraltheologischen Beweis zur Unsterblichkeit der Seele hinzu. J. W. Meil, 1767 © bpk / Staatsbibliothek zu Berlin / Foto: Carola Seifert
Repoussé Doppelgehäuse Spindeluhr, © Mendelssohn-Gesellschaft / Foto: Bernhard Thévoz
Repoussé Doppelgehäuse Spindeluhr, © Mendelssohn-Gesellschaft / Foto: Bernhard Thévoz

Er führt Denkansätze von Leibniz und Christian Wolff weiter, über Logik, Mathematik, Religion und die Harmonie der Welt; er hat beim Wettbewerb der Königlichen Akademie den ersten Preis zur Fragestellung nach einer „Evidenz in den metaphysischen Wissenschaften“ (1763) gewonnen, gegen Kant. Dabei kombiniert er Erfahrung und Vernunft und betont den Primat der Alltagspraxis. Der Ästhetiker und Psychologe Moses möchte die moralische Aufgabe der Kunst als Darstellerin vernünftiger Erkenntnisse und eine Theorie von ihrer Autonomie mit einander verbinden, im „Spiel der Illusion“. Er inspiriert durch Kontakte, Veröffentlichungen, Diskurse und Korrespondenzen die Verbreitung des Toleranzgedankens und der Universalität der Menschenrechte. Seine Ausstrahlung und seine charismatische, integre Persönlichkeit tragen dazu bei. Sein Freund Lessing nimmt ihn zum Vorbild für Nathan den weisen in seinem gleichnamigen dramatischen Gedicht.

»Bestimmung des Menschen. Nach Wahrheit forschen, Schönheit lieben, Gutes wollen, Das Beste thun.«
Häufig verwendete Stammbucheintragung Moses Mendelssohns seit 1776.

Der Kulturtransformator Moses ebnet Glaubensgenossen durch Thora-Übersetzungen den Weg zur Sprache ihrer christlichen Umgebung, zu deren Literatur und Kunst, für die er sich selbst leidenschaftlich interessiert. Als gläubiger Jude und „Weltweiser“ vereinbart er Gesetzesoffenbarung und aufgeklärte Vernunftreligion und motiviert zum Aufbruch aus dem geistigen Ghetto. Als Modernisierungshelfer berät er jüdische Gemeinden im Konflikt zwischen Tradition und Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft; auch preußische Beamte, denen der Abbau von Diskriminierungen wichtig ist. Seine deutschen Bibel-Übertragungen erscheinen in hebräischer Schrift. In seinem Essay „Jerusalem. Über religiöse Macht und Judentum“ ist er der eigenen Epoche mit Überlegungen zur Gewissensfreiheit, zur Trennung von Staat und Glaubensgemeinschaft voraus. Bahnbrechend erweist er sich als Vordenker der jüdischen Aufklärungsbewegung Haskala und ihrer Protagonisten, zu denen David Friedländer, Gründer der Jüdischen Freyschule, Isaac Euchel, Herausgeber der ersten hebräischen Zeitschrift „Der Sammler“, der Dichter Hartwig Wessely und der Pädagoge Herz Homberg zählen. Die sich interreligiös öffnenden Reform-Projekte der Haskala tragen bei zur Integration der Minderheit: zur Entstehung jener deutsch-jüdischen Moderne, aus deren Erfahrungen sich die Ideale unserer pluralistischen Gegenwart ableiten.

Moses Mendelssohn am Himmelstor – der Spruch „Von Moses bis Moses (Maimonides) war keiner wie Moses“ wurde von seinen Verehrern auf Mendelssohn ausgedehnt. Johann Christian Friedrich Räntz, Moses Mendelssohn kommt in den Himmel, o. J., © bpk / Staatsbibliothek zu Berlin
Moses Mendelssohn am Himmelstor – der Spruch „Von Moses bis Moses (Maimonides) war keiner wie Moses“ wurde von seinen Verehrern auf Mendelssohn ausgedehnt. Johann Christian Friedrich Räntz, Moses Mendelssohn kommt in den Himmel, o. J., © bpk / Staatsbibliothek zu Berlin

Kontakte zur politischen Macht bleiben für Moses` diskriminierte Generation zwiespältig. Friedrich II. lässt den Gelehrten nach Potsdam rufen, ohne ihn zu empfangen; ihm als Seidenhändler gewährt der König zwar Anerkennung und Bleiberecht, doch dem Philosophen verwehrt er die Akademie der Wissenschaften und verweigert seiner Familie einen gesicherten Aufenthaltsstatus. Mendelssohn schreibt im Gemeinde-Auftrag Huldigungsverse an den königlichen Hof, scheut sich aber nicht, die Dichtkunst des Monarchen in einer kühnen Rezension zu kritisieren. Den befreundeten Kriegsrat Christian Konrad Wilhelm Dohm inspiriert er zu dem Buch „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden“ (1791), das Diskurse in Frankreich und anderen Ländern Westeuropas beeinflusst; auch den Grafen Mirabeau, der sich kurz nach Mendelssohns Tod in Berlin aufhält und eine Schrift über diesen veröffentlicht. In der Menschenrechtsdebatte der Französischen Nationalversammlung wird Mirabeau Berliner Ideen einbringen und umsetzen.

Weil ein Minister aus Sachsen den berühmten Juden sehen will, wird Moses 1771 zum König nach Potsdam zitiert. Johann Michael Siegfried Lowe nach Zeichnung von Daniel Chodowiecki, Moses Mendelssohn am Berliner Tor zu Potsdam, 1792 © bpk / Staatsbibliothek zu Berlin
Weil ein Minister aus Sachsen den berühmten Juden sehen will, wird Moses 1771 zum König nach Potsdam zitiert. Johann Michael Siegfried Lowe nach Zeichnung von Daniel Chodowiecki, Moses Mendelssohn am Berliner Tor zu Potsdam, 1792 © bpk / Staatsbibliothek zu Berlin
Jakob Abraham / Abraham Abramson, Moses Mendelssohn-Medaille, 1774, © bpk / Staatsbibliothek zu Berlin
Jakob Abraham / Abraham Abramson, Moses Mendelssohn-Medaille, 1774, © bpk / Staatsbibliothek zu Berlin

Die Aufforderung des Theologen Lavater, sich taufen zu lassen, weist Moses Mendelssohn zurück – doch löst eine nun anhebende öffentliche Debatte um diese Provokation bei ihm eine siebenjährige Nervenkrankheit aus. Als er 56-jährig stirbt, gibt ihm, mit christlichen Freunden und Vertretern des Adels, Berlins ganze jüdische Gemeinde das Geleit, alle Geschäfte haben geschlossen.

1737
1812
Fromet Mendelssohn
Die Chefin aus Altona
1809
1847
Felix Mendelssohn Bartholdy
Der Götterliebling
1874
1936
Albrecht Mendelssohn Bartholdy
Der Aufklärer